
100% Pure? Ritual Purity in Non-Christian Civilizations
Stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie würden in einem
Interview für eine regional bekannte Tageszeitung gebeten,
kurz und bündig zu formulieren, was rituelle Reinheit
bedeutet und was ein Ritual ist was sagen Sie?
Niemand möchte lesen, dass es komplizierte religionswissenschaftliche
Parameter gibt, um ritualdynamische
Fragen zu erörtern. Vielmehr ist eine knackige, persönlich
motivierte Definition gefragt. Eine Übung, die gerade
im akademischen Kontext, im Eintauchen und oft fast
Verlorengehen in Theorie, Quellenmaterial und Methodenschritten
eine wirkliche Herausforderung darstellt.
Die zweite internationale Ignatz Bubis-Summer School
an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg als
Kooperationsprogramm des Heidelberger Sonderforschungsbereichs
619 „Ritualdynamik“ zum Thema
„Ritual Purity in Non-Christian Civilizations“ vom 14.26.
August 2011 stellte sich dieser Herausforderung der
knackig-persönlichen Stellungnahmen und der Frage
nach Theorie und Praxis.
Die deutsch- und englischsprachigen Workshops zu
Fragen ritueller Reinheit wurden von internationalen
Gästen, namentlich Evyatar Marienberg (Jüdische Studien
und Religionswissenschaft, University of North Carolina
at Chapel Hill), Richard Gauvain (Islamwissenschaften,
American University in Dubai), Inken Prohl
(Religionswissenschaft, Universität Heidelberg) und Christopher
Ocker (Kirchengeschichte und Religionsgeschichte,
San Francisco Theological Seminary), geleitet.
Neben der intensiven wissenschaftlichen Beschäftigung
mit Theorie- und Quellentexten zu ritual purity in
den Workshops hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit
bei einer Exkursion nach Worms Praxisbezüge
zu beobachten. Des Weiteren gab es bei einigen Abendvorträgen
die Möglichkeit, in den näheren Diskurs mit
den Gästen zu treten und sich weiteren interessanten
Aspekten zum Thema ritual purity zu öffnen.
Was aber wäre nun ein erster Zugang zum Thema ritual purity?
100% Fruchtgehalt versprechen viele Anbieter
von Säften, Marmeladen und Ähnlichem 100%
bekommen wir jedoch selten. Ist Reinheit eine
Mogelpackung?
Im Zen-Buddhismus gilt jemand als rein, der im
Zustand des Wu-Wei aus dem Augenblick heraus,
ohne die Situation zu analysieren und zu bewerten,
handelt.
Im Judentum und im Islam ist die Reinheit z. B.
durch Menstruation, Geburt und Tod gefährdet;
im Christentum besteht die Gefährdung u.a. im
sittlichen Fehlverhalten.
Und was charakterisiert ein Ritual?
Rituale sind Handlungen mit Symbolgehalt.
Rituale können profan sein das tägliche Bad. Oder
sie sind sakral/heilig, wie die Beichte im Katholizismus
und Körperreinigung im Judentum/Islam.
Rituale sind eine kommunikative Handlung.
Ritualhandlungen haben Einfluss auf das Verbleiben
oder Heraustreten aus dem Zustand der Reinheit/
Unreinheit.
Mit solchen oder ähnlichen Definitionen und Fragen
im Hinterkopf sind die Teilnehmenden der diesjährigen
Summer School mit den Forschungsschwerpunkten Jüdische
Studien, Evangelische Theologie und Religionswissenschaften
aus Deutschland, der Schweiz, Großbritannien
und den Niederlanden angereist. Sicherlich
sind im Anschluss an die vielfältigen Workshops und
Vorträge viele dieser Gedanken neu formuliert worden.
Evyatar Marienberg setzte durch die Lektüre und Diskussion
von biblischen und rabbinischen Quellentexten
seinen Fokus auf konzeptionelle Fragen von Reinheit
und Unreinheit. Begriffe wie heilig und profan, rein
und unrein, stellten sich in seinen Workshops als Idee
von Raumkonzepten dar. Er zeigte auf, dass die Halacha,
ebenso wie das muslimische Recht, alle Aspekte des
Lebens abdecke, während sich das kanonische Recht
nur auf für die Kirche relevante Bereiche beziehe. Marienbergs
Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Phänomen
Niddah: den Regelungen und Ritualen rund um das
Thema Menstruation. Deutlich wird hieran der Gedanke,
dass Unreinheit übertragbar, jedoch kein allein hygienisches
Phänomen ist, denn letztlich kann auch die Berührung
mit dem Heiligen ob nun im Tempel oder durch
das Berühren der Tora verunreinigen.
… und pro Bärte“ das ist das einseitige Bild, das viele
Medien vom Islam zeichnen. Fernab von jenen stereotypen
Vorurteilen versuchte Richard Gauvain, das Verständnis
der Teilnehmenden der Summer School für
das Reinheitssystem des sunnitischen Islam mit Hilfe von
Koran und Hadith-Literatur zu schärfen. Es gilt zwischen
zwei Arten der Verunreinigung zu unterscheiden:
hadath und najasa. Eine methodische Annäherung
besteht darin, die Konzepte struktualistisch bzw. soziostruktualistisch
anzusehen: Reinheit als matter in place
und Unreinheit als out of place.
Einen Überblick über die reiche Fülle aktueller Forschungen
zu Ritual und Ritualtheorien gab Inken
Prohl und sprach sich am Beispiel Japans und des Zen-
Buddhismus dafür aus, statt Ritual den Begriff performance
zu wählen, um die performativ-ästhetische Dimension
von Religion sowie die Aufwertung religiöser
Handlungen zu unterstreichen.
Christopher Ocker geleitete die Teilnehmenden der
Summer School auf äußerst charmante Weise auf das
Feld der Forschung ums mittelalterliche Europa, Asien
und Lateinamerika, insbesondere im Hinblick auf
Heiligkeit im Raum: Also auch hier wieder Raumkonzepte.
Als Beispiel und Diskussionsgrundlage diente
ihm die spanische Eroberung und Mission Mexikos im
16. Jahrhundert sowie die Disputation von Tortosa in
den Jahren 1413 1414.
Vom kulturellen Reichtum der Shumstädte konnten die
Teilnehmenden der Summer School exemplarisch auf
den Spuren Rashis in Worms nachspüren, wo Besuche
in der Synagoge, der Mikwe, dem Rashi-Haus und auf
dem jüdischen Friedhof auf der Tagesordnung standen.
Stefanie Fuchs, Teilnehmerin an der Summer School,
Absolventin der Hochschule und Promovendin der
Kunstgeschichte, führte dankenswerterweise durch die
Geschichten von Worms und seiner Plätze. Und auch
wenn es im Titel non-christian hieß, bekamen wir eine
ebenso abenteuerliche, wie interessante Führung
durch die Restaurationsbaustelle am Wormser Dom.
Ein ganztägiges akademisches Programm wäre nichts
ohne die Aufrechterhaltung von leiblichem und seelischem
Wohl, und so war es mehr als erfreulich, dass Uli
Zierl täglich mit ihrer Kochkunst beglückte, und dass
unter dem Motto Simchat haNefesh Freude der Seele
im Gewölbekeller der Hochschule ein Konzert jüdischer
Musik des Mittelalters mit authentischen Instrumenten
und wunderbaren Musikern als offizielle Auftaktveranstaltung
der Ignatz Bubis-Summer School statt fand.
Simchat haNefesh darf auch paradigmatisch für die intensiven
Tage an der Hochschule aufgefasst werden.
Für das schöne Programm und die angenehme
Atmosphäre gilt es nicht zuletzt vor allem den die
Dozierenden und Studierenden ständig kompetent und
freundlich begleitenden Dr. Elke Morlok und Prof.
Frederek Musall zu danken.
Julia-Rebecca Riedel und Jonas Leipziger
(entnommen aus: Mussaf. Magazin der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg | 2/11)